Lesung

 
Asmodina Tear: "Schattenrosen im Zwielicht"
Sonntag 15:00 bis 16:00 Uhr
Tagungsbüro
 
Schattenrosen im Zwielicht (Cover)

Winter im Jahre 1840, ungefähr fünfzig Jahre war es her, seit der französische Prinz Louis Charles den Bourbon seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte, um in der Nähe seiner mütterlichen Heimat neu anzufangen. Dies war ihm mehr als gut gelungen, hatte er doch sein Privileg des ewigen Lebens dazu genutzt, seine intellektuellen sowie künstlerischen Fähigkeiten zu verbessern und zur Perfektion zu treiben. Neben Geige und Klavier beherrschte er mittlerweile das Cello und die Harfe, was ihm einzelne Auftritte in diversen Orchestern ermöglichte und für eine große Beliebtheit seiner eigenen Kompositionen sorgte. Auch in der Malerei war er sehr erfolgreich. „Eine unglaublich faszinierende Mischung aus Ursprung und Wiedergeburt in ganz eigenem Stil“ lobten die Kritiker in Anspielung auf die aus ihrer Sichtweise einzigartige Verbindung zwischen Rokoko und Biedermeier, wo letzteres auch häufig als zweites Rokoko gehandelt wurde.Aber der junge Prinz war sich gewiss, dass seine Anziehungskraft auf die Menschen auch daher rührte, dass er gerne bis zur Anonymität hinter seinem Werk zurücktrat und öffentliche Auftritte bis auf wenige Ausnahmen mied. Eine Notwendigkeit, denn auch wenn Louis die Einordnung in der menschlichen Gesellschaft nie Probleme bereitet hatte, so gehörte er doch nicht mehr zu ihnen. Seine Fangzähne blitzten auf, als der Dauphin ans Fenster trat und einen versonnenen Blick über die verschneite Gartenanlage seines Grundstücks warf. Er wusste, dass seine zweiflerischen Ambitionen eigentlich grundlos waren. Denn auch wenn oder gerade weil die Öffentlichkeit einen Mythos in ihm sah, war sein Einkommen mehr als hoch genug, um sich selbst und den anderen Mitgliedern seines Clans ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Im Gegenzug unterstützten sie ihn moralisch. Auch, als ihn mit dem altersbedingten Tod seiner geliebten Schwester Marie Therese ein Schicksalsschlag ereilte, an dem der junge Prinz fast zerbrochen wäre. Zumindest in der Hinsicht hatte sein verhasster Schöpfer Agato die Wahrheit gesagt. Der endgültige Abschied eines geliebten Menschen bedeutete auch für einen Vampir einen immensen Schmerz, welcher eine scheinbare Ewigkeit andauern konnte.Zuweilen hatte Louis die gefühlskalte Variante seiner Existenz sogar als brauchbare Alternative empfunden, aber der vereinte Beistand seines Clans, insbesondere Herliun und Jasmin, hatten dies verhindert, auch der Bau seiner prächtigen Villa war nicht zum Erliegen gekommen. Das Gebäude hatte den typischen Stil des 19. Jahrhunderts und bestand aus hellgrauen sowie pastellfarbenen Steinen. An seine Heimat Versailles erinnerten, rein äußerlich gesehen, nur die runden Torbögen und der herausragende Aussichtsturm, von dessen reich verzierter Plattform Louis sich regelmäßig Inspiration holte. Menschen würden nie verstehen, wie faszinierend ein Sternenhimmel oder auch der Mond sein konnte. Im Inneren des Hauses sah es dagegen umso prunkvoller aus. Hohe Decken mit vergoldetem Stuck, an den Wänden Mahagoniverkleidungen, und auch die Möbel bestanden aus edlen Hölzern und Stoffen. Ein weiches Lächeln zierte seinen sinnlichen Mund als Louis an das beschlagende Fenster traf und wie in Trance das kalte Glas berührte, während sein goldfarbener Morgenmantel aus Seide über den Boden glitt.

 

 

 
Asmodina Tear

Asmodina Tear: Asmodina Tear ist das Pseudonym einer jungen Autorin. Geboren 1985 in Helmstedt (Niedersachsen), wandte sie sich schon im Alter von 9 Jahren dem Lesen von Erwachsenen-Literatur zu, was mit 15 Jahren zu ihrer ersten Begegnung mit Anne Rice führte. Seit dieser Zeit waren Vampire ihre favorisierten Charaktere. Nach einer Ausbildung im Verwaltungsdienst und dem Erlernen von drei asiatischen Sprachen, entschied sie sich endgültig für das Schreiben und veröffentlicht Gedichte sowie Romane. Seit März 2017 hat sie sich außerdem unter dem Pseudonym Sofia Speel der Kinder- und Jugendliteratur zugewandt.